|
Das steigende Interesse der Kinder zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Zu Beginn verwendete ich offene Lernformen vor allem zur Wiederholung und Festigung. Die Freude der SchülerInnen am „Spielen“ (Lernen) motivierte mich jedoch, offene Lernphasen regelmäßig einzusetzen. Liebevoll hergestelltes Lernmaterial weckte die Aufmerksamkeit der Kinder. Sie arbeiteten eifrig und konzentriert. Das ganzheitliche Lernen ist dabei ein wichtiger Aspekt, um möglichst viele Sinne anzusprechen. Der Unterricht konnte dadurch abwechslungsreicher und spannender gestaltet werden. Auch die standortbedingte multikulturelle Schülerpopulation ist eine große Herausforderung offene Lernformen einzusetzen. Die Interessen jedes einzelnen Menschen können dadurch besser berücksichtigt, Begabungen entwickelt und gefördert werden. Mein Interesse an alternativen Unterrichtsformen, Lernstrategien, Projekt- und Sinnesarbeit ließen neue Erfahrungen in der täglichen Unterrichtsarbeit zu. Dies veranlasste mich, mich intensiver mit der Montessoripädagogik auseinander zu setzen, um so den Unterricht den Bedürfnissen der SchülerInnen besser anpassen zu können. Maria Montessoris Sinnesschulung ist für mich dabei von besonderer Bedeutung. Die Kinder sollen möglichst alle ihre Sinne einsetzen, um an Probleme heranzugehen und sich in der Welt zu orientieren. Das Lernen findet nicht in einem starren System statt, sondern bietet Raum für Bewegung, Sinneswahrnehmung und verschiedenen Denkansätzen. Interessant finde ich daher die Arbeit mit dem Montessori-Material. Die Kinder wählen nach eigenem Ermessen ihre Freiarbeit aus, können damit ihre persönliche Leistungsfähigkeit steigern und so eigene Ressourcen optimal nützen. Kindgerechtes Arbeiten und spielerisches Problemlösen steht dabei im Vordergrund. Die Montessoripädagogik eröffnet mir neue Perspektiven in der Unterrichtsgestaltung. Die Hinführung zum eigenverantwortlichen, individuellen Lernen, sowie der Abbau der Lehrerdominanz sind mir dabei wichtige Anliegen. Die SchülerInnen sollen kindgerecht, mit viel Freude und Engagement, auf ihrem Weg in die Zukunft begleitet werden. Durch die Montessorischulung gelingt es den LehrerInnen wesentlich besser, entspannter und lockerer in den Unterricht zu gehen. Dieses Wechselspiel der relativen Unaufgeregtheit zwischen Lehrern und Schülern wirkt sich daher sehr positiv auf das gemeinsame Arbeitsklima aus. Gerade in der Sekundarstufe und in der heutigen Zeit bedeutet die Montessoripädagogik auch eine Chance für die Kinder Kompetenzen zu erwerben, die in der heutigen Arbeitwelt dringend gebraucht werden: Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, eigenverantwortliches Handeln, Selbständigkeit, Flexibilität, Strukturiertheit und das Erfassen von Zusammenhängen sind dabei wichtige Anliegen. Immer mehr Firmen verlangen nach teamfähigen Mitarbeitern.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Freie Arbeit in ihren verschiedensten Erscheinungsformen im Zuge der Reformpädagogik entwickelt worden. Maria Montessori, Peter Petersen, Celestin Freinet, Rudolf Steiner,… haben durch Beobachtung der Kinder erkannt, dass sich das Lernen nicht unbedingt an theoretischen, pädagogischen Überlegungen orientieren muss, sondern an den Gesetzen der Kindheit. Sie haben in ihren pädagogischen Systemen Vorschläge zur Veränderung der Regeln gemacht, die die Freiarbeit als wesentlichen Faktor erkennen lassen. Das Kind und seine Erziehung zur Freiheit werden ins Zentrum der pädagogisch-didaktischen Überlegungen gestellt.
Maria Montessori (1870 – 1952) Maria Montessori entwickelte die Idee von der „vorbereiteten Lernumgebung“ nach dem Grundsatz: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Maria Montessoris Reformbewegung beruht auf der Beobachtung des Kindes. „Das Kind ist Baumeister seiner selbst“, der Erwachsene steht dem Kind bei seiner Entwicklung bei. Selbsttätigkeit, Selbstbestimmung, Förderung der Eigenaktivität, Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes sind zentrale Bildungs- und Erziehungsziele dieser Pädagogik. Maria Montessori versucht durch speziell entwickeltes Lernmaterial, ein Lernumfeld zu gestalten, das den Bedürfnissen der Kinder entspricht. Sie nutzt die Fähigkeit der Kinder, die ganze Aufmerksamkeit einer Sache zuzuwenden und sich dabei so zu vertiefen, dass sie nicht merken, was um sie herum geschieht. Maria Montessori spricht von der „Polarisation der Aufmerksamkeit“. Wesentliche Merkmale des Materials sind Selbstkontrolle, Isolation der Schwierigkeiten, Begrenzung, Attraktivität und Aktivität. Das Material dient nicht nur in Übungsphasen, sondern eignet sich besonders in Erarbeitungsphasen. Der Lehrer dient hauptsächlich als Mittler zwischen dem Material und dem Kind, erklärt den Gebrauch des Materials, bietet Hilfe an, wo sie benötigt wird und zieht sich von dem, der gewählt hat, zurück. Diese Unterrichtsform ermöglicht es den Kindern, Aufgaben in individuellem Tempo und auf eigenen Wegen zu bearbeiten, sowie die Ergebnisse selbst zu kontrollieren. Dabei wird das Selbstwertgefühl des Kindes gestärkt und es scheint ein Weg zu sich selbst und zu anderen zu sein.
Beispiel einer gebundenen montessoriorientierten Unterrichtseinheit: Die Evolutionskette Die Evolutionskette bringt den Kindern die Zeitabschnitte von der Entstehung der Erde bis zum heutigen Menschen anschaulich und handlungsorientiert näher. Material: Die Kette besteht aus einer 10 m langen Schnur, wobei bei 9,2 m und bei 7,6 m jeweils eine rote Perle eingearbeitet wird. Auf den letzten 1,2 m werden 600 Perlen aufgefädelt, die das Paläozoikum bis heute darstellen: - für 1 Million Jahre eine graue Perle - für 10 Millionen Jahre eine rote Perle Das Legematerial besteht aus Zahlen-, Text- und Bildkarten, die zum entsprechenden Zeitabschnitt gelegt werden. Arbeit mit dem Material: Ich habe das Material mit den Kindern ausgelegt und überblicksmäßig über die Entstehung der Erde bis heute erzählt. Die Kinder haben die Jahreszahlenkärtchen zugeordnet, anschließend die Namen der Erdzeitalter, sowie die Bild- und Textkarten gelegt. Die Textkarten beschreiben z.B. die typische Tier- und Pflanzenwelt in dem jeweiligen Zeitabschnitt. Das Mesozoikum wird speziell aufbereitet mit dem Dinosauriermaterial, sowie die letzte Perle, die die Entwicklung des Menschen darstellt. Arbeitsblätter können danach selbständig mit Hilfe der Kette bearbeitet werden. Ziel: Die Kinder sollen einen Eindruck bekommen, wie jung die Entwicklung des Menschen im Vergleich zur Entwicklung der Erde ist. Sie sollen Einblicke in die Evolutionsgeschichte der Lebewesen bekommen und Zusammenhänge erkennen können. Meine Erfahrungen: Es war sehr faszinierend zu beobachten, wie intensiv sich die Kinder mit diesem Material auseinander gesetzt haben. Sie sind sehr sorgfältig damit umgegangen und haben aufgepasst, dass die Perlen richtig liegen. Sie haben in Teamarbeit zugeordnet, meinen Ausführungen gelauscht und über die Lebewesen in den verschiedenen Erdzeitaltern diskutiert. Sie haben in Ihrem „Spiel“ vergessen, dass sie sich gerade in erdgeschichtliche Zusammenhänge vertieft haben. Das als langweilig empfundene Kapitel ist plötzlich spannend geworden. Es waren sehr abwechslungsreiche und lustbetonte Stunden. Die Kinder konnten anschaulich arbeiten und „begreifen“. Sie haben außerdem gelernt miteinander zu agieren und sich gegenseitig zu helfen. Es hat mir und den Kindern sehr viel Spaß gemacht und mich darin bestärkt weiter nach den Prinzipien Maria Montessoris zu arbeiten.
Bruck Susanne
|